SINGLE | Alli Neumann „Madonna Whore Komplex“ | im Handel

Alli Neumann hat sich gehäutet. Wie eine Zwiebel oder ein Reptil – oder eben eine junge Frau, die sich von all den klischierten Bildern befreit hat, die andere von ihr geschrieben haben. Weg mit dem Ballast, hin zum eigenen Kern. Aber natürlich wäre Alli nicht sie, wenn sie ihre Emanzipation nicht tanzend begangen hätte. „Wenn das Leben böse ist, muss die Musik halt gut sein“, sagt sie und setzt mit ihrem Debütalbum düsteren Zeiten voll politischer und gesellschaftlicher Umwälzungen was positiv Flammendes entgegen.

Madonna Whore Komplex versprüht gute Vibes und geht doch ins Eingemachte. Trojanisches Pferd? „Das Unbequeme steckt ja oft zwischen den Zeilen.“ So ist die Musikerin zurück mit 12 aussagestarken Songs über Sexismus, Identität, Integrität, zu denen man tanzen will und jede Zeile mitschreien. Alli spricht an, entlarvt, macht Ansagen. Wehrt sich, ist direkt, setzt eigene Grenzen. Und überall schießt Hoffnung durch.

Kritische Erzählungen mischen sich mit ihrer unbändigen Lust, die Dinge anzupacken, niemals müde zu werden. Mit neu geschöpfter Kraft taucht sie in neue Gewässer ab, in denen sie noch schwimmen lernen muss, wie sie sagt – „ohne Netze und vorgefertigte Schwimmbahnen“. Die aufregende Dekonstruktion von anderen und sich selbst, all die Erleuchtungsmomente gingen einher mit der zweijährigen Entstehungsphase des Albums. So viel geschrieben wie noch nie, konnte sich die Alli Neumann-Essenz mit Raum und Zeit formieren.

Nach ihrer EP Monster von 2019 und dem erfolgreichen Feature mit Trettmann wirkt die in Solingen geborene, in Polen aufgewachsene und in Nordfriesland zur Schule gegangene Frau auf ihrem neuen Album, als wär sie sich selbst nie näher gewesen. Mit neuem, gefestigtem Blick und noch immer neugierig voll freudiger Erwartung, wie sich alles entwickelt, wenn es doch nie wieder werden wird, wie es war. Nie wieder so werden darf.

Der Albumtitel – die Freudsche Theorie, die Frau als Projektionsfläche für den Mann beschreibt – ist hier nur eine Nuance des vielfältigen Albums, das auf ihrem eigens gegründeten Label JAGA Recordings erscheint. Der Musikerin gelingt es, der Ernsthaftigkeit ihrer Themen mit Nachdruck zu begegnen und trotzdem eine gewisse Katharsis in die Momente zu legen, Leichtigkeit und Witz. Sie klingt nie hilflos, erzählt nicht von Stagnation. Energie geladen und voll wütender Lust, sich selbstermächtigt als wertvoll und wichtig zu labeln, singt sie für alle, die (auch) am System leiden, für die Struggelnden.

So geht es im Song Frei auch darum, sich endlich loszusagen. Von Begrenzungen, die einem auferlegt werden. Von angeblichen Vorgaben durch die Gesellschaft, die einengen und bevormunden. Von Menschen, die einen glauben lassen, dass man ohne sie nichts wär. Lasst mich mal machen, und wenn ich stolpere – na und?! Bye bye zu den elenden Nein-Sager*innen, Zweifler*innen und allen, die Existenzen, Können, Wissen, Selbstbestimmung absprechen. Ab jetzt alles zu ihren Konditionen, ganz ohne Fremdbestimmung bitte.

Zweifelnden Fragen von früher begegnet Alli mit neuen Gewissheiten.

Im Song Kleinigkeit, der verletzlichsten Seite des Albums, erzählt Alli, dass nicht nur einige, sondern alle Frauen stark und voll Selbstzweifel sein dürfen. Und in Stadt in Satin spürt man Wahnsinn und Wut förmlich vibrieren. Sie schreckt nicht mehr davor zurück, als hysterisch beschimpft zu werden, weiß heute: Der Begriff wurde erfunden, um die Frau stumm zu stellen. Aber Alli ist eben manchmal wütend, wie wir alle. „Und das ist nur gut und gesund“, sagt sie.

Mit Madonna Whore Komplex zeichnet die Musikerin lyrisch eine mehrdimensionale Frau. Und auch musikalisch ist es vielfältig. Sie selbst sagt: „Es ist eine Zugfahrt, aber keine kurze, eher eine transsibirische Eisenbahnfahrt, auf der man die unterschiedlichsten Musiklandschaften sieht, aber immer das gleiche Ziel hat: die Freiheit.

Eigentlich sollte es ein reines Country-Album werden, deshalb die vielen Banjos. Nun ist es auch dem Funk und Blues verschrieben mit vielen Gitarren-Sounds. Alli liebt E-Gitarren. „Am besten gestackt, also Tausende. Gleichzeitig. Aber ich wollte diesmal den Texten, mir und Gitarrenriffs mehr Platz zum Atmen geben.“ Ihr Debütalbum ist instrumental zwar reduzierter als sonst, aber bleibt doch vielschichtig. Ungerade Takte, Synkopen, 9er-Akkorde, alles da. Und trotz klassischer Bandbesetzung in der Produktion hört man die Spielereien mit den Sounds und Treatments, immer wieder überrascht ein Detail.

Zwei Jahre hat die Arbeit am Album und die Reise zum eigenen Label gedauert. Hürden wurden überwunden und Beschwerendes über Bord geworfen. Bei der Entstehung des facettenreichen Albums spürte die Musikerin ganz intensiv dem Gefühl emotionaler Unabhängigkeit nach. Auch die von Erfolg und Erwartungen – von sich und vom Außen. Die neu gewonnene Perspektive hat sie in ihrer Kunst gewissermaßen befreit, sagt sie.

Ansteckend stark klingt Alli, wenn man ihren Geschichten folgt, die immer aus persönlicher Sicht erzählt werden und doch im Goßen Missstände der Gesellschaft anprangern, während die Musikerin ihnen stets mit Humor ins Gesicht blickt. Negativen mit Positivem begegnen – das gelingt ihr mit dem Debütalbum allemal und rüttelt damit auf ganz eigene Weise am Status Quo. Allis Geduld ist vorbei, „bin für Revolution“!
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Quelle: Four Music/Sony Music | Promotion Werft